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Was ist der Unterschied zwischen Schreiben und Texten?

Der kleine Unterschied


Schreiben kann jeder. Haben wir ja in der Schule gelernt. Und eigentlich können wir getrost auf Texter verzichten. Oder doch nicht?
Friedhelm Weischede erläutert im Gespräch, warum Texter doch nicht ganz überflüssig sind.


Frage
Herr Weischede, eine Aussage hören wir immer wieder: Texten könne eigentlich jeder, der im Deutschunterricht aufgepasst habe. Ist was dran?

Weischede
Ja und nein. Zunächst einmal: hier wird "Schreiben" mit "Texten" gleichgesetzt. Ich sehe einen Unterschied zwischen Schreiben und Texten. Die Begriffe benennen zwei Pole eines Kontinuums. Schreiben heißt dann, einen Sachverhalt sachlich richtig zu Papier zu bringen, und Texten, eine gelungene Interaktion zwischen Leser und Unternehmen herzustellen. Also Neugier und Emotionen in ganz bestimmter Weise zu wecken, Leser zu Handlungen zu bewegen oder gezielt ein Bild im Kopf der Leser zu erzeugen oder zu aktivieren.

Frage
Eine Grenze zu ziehen ist also schwer?

Weischede
Ja. Ich würde sagen, es ist eine Frage der Professionalität. In wieweit kennt der Schreiber oder der Texter die unterschiedlichen Textgattungen, also Pressetext, Werbetext, Direkt-Marketing und so weiter. Hier gibt es mehr oder weniger strenge Regeln, die ein Texter einfach beherrschen muss. Anders funktioniert es nicht. Wer den Aufbau einer Pressemitteilung nicht beherrscht, schreibt die Meldung für den Papierkorb des Redakteurs. Und wer nicht weiß, mit welchen sprachlichen Mitteln er seine Leser zum Handeln bewegt, wird keine erfolgreichen Mailings verschicken.

Ein anders Beispiel: Ist der Texter in der Lage, auf die unterschiedlichen Wahrnehmungsmodi einzugehen, nach denen wir Texte für uns als relevant "erkennen" und Inhalte entsprechend besser und wohlwollender aufnehmen. Überzeugt mich ein Argument, das in den Blick gerät, oder eines, das eine besondere Rolle spielt? Oder muss das Argument eine deutliche Sprache sprechen?

Frage
Ist das nicht ein wenig spitzfindig?

Weischede
Keinesfalls. Sprache wirkt ja zumeist unbewusst. Was wir bewusst wahrnehmen, sind die Inhalte. Doch ob und wie wir dies tun, hängt von vielen kleinen Signalen ab, mit denen der Text seinen Lesern signalisiert: Ich bin wichtig für dich! Und jeder Mensch hat seinen bevorzugten Modus. Um bestimmte Lesergruppen nicht zu verlieren, muss ich als Texter darauf achten, alle Modi zu bedienen.

Frage
Das sind Themen, über die wir in der Schule nur wenig erfahren. Unser Schulwissen ist also für die Text-Profession eher unwichtig?

Weischede
Ganz und gar nicht. Nehmen wir beispielsweise die Grammatik. Allein durch die Satzstellung kann ich unterschiedlichste Texte erzeugen. Texte, in denen die Inhalte fließen. Solche Texte sind leicht zu konsumieren. Ich kann aber durch ungewöhnliche Satzstellungen auch Inhalte hervorheben, den Leser sogar irritieren. Natürlich sind solche Texte nicht unbedingt konsumfreundlich, dafür unterstützen sie eher die Lernfähigkeit oder sind - für manche Leser - auch schlicht spannender. Wer beispielsweise ein Produkt positionieren will, sollte seine Texte nicht zu aalglatt schreiben.

Frage
Ist das ein Aufruf, die Subjekt-Prädikat-Objekt-Struktur der Sätze kräftig durcheinander zu würfeln?

Weischede
Nein. Es ist wie in der Musik auch. Wer erfolgreich improvisieren will, muss zunächst die Partitur sicher spielen. Und: Improvisationen brauchen eine feste Struktur, von der sie abweichen. Daraus ziehen sie ihre Wirkung.

Frage
Oft hört man, ein Text sei nur dann gut, wenn er viele Bilder, also Metaphern verwendet. Wie sehen Sie das?

Weischede
Metaphern erzeugen Bilder im Kopf der Leser. Das hat eine Menge Vorzüge. Bilder machen Spaß, metaphorische Texte werden entsprechend gerne gelesen. Bilder sind einfach zu verstehen und auch gut zu merken. Und selbst Metaphern, die als Metaphern gar nicht mehr auffallen, schaffen noch lebendige Texte, wie beispielsweise das Bild "abgedroschen". Gegen Metaphern spricht also erst einmal gar nichts.

Allerdings haben auch Metaphern ihre Grenzen. Und sie bergen mitunter auch Gefahren. Metaphern veranschaulichen, sie erklären aber nichts. Komplexe Sachverhalte kann ich metaphorisch nicht vermitteln, lediglich an besonders abstrakten oder schwierigen Stellen veranschaulichen. Was viel Wert sein kann.

Veranschaulichungen beruhen auf Vereinfachungen. Ob darin eine Gefahr liegt, ist natürlich abhängig vom Standpunkt. Der Politiker, der sich mit griffigen Parolen profilieren will, wird darin keine Gefahr, sondern eine Chance sehen. Für eine gesellschaftlich und politisch differenzierte Debatte ist das dann manchmal eine Gefahr.

Frage
Eine andere Gefahr sind schiefe Metaphern.

Weischede
Richtig. Die Texte sind voll davon. Manche fallen kaum auf, andere sind unfreiwillig komisch. Etwa wenn die Gleitschirmfliegerin Ewa Wisnierska in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagt: "Am schönsten ist es, wenn du mit den Vögeln fliegst. Dann fühlst du dich wie ein Fisch im Wasser."

Frage
Und woran erkennt man einen guten Text? An seiner Länge? Der Zahl seiner Metaphern?

Weischede
An der Länge und den Kriterien "höher, weiter, schneller" sicherlich nicht. Ein guter Text ist weder überladen noch kompliziert. Am ehesten noch: elegant. Dabei ist es viel schwieriger, elegante Texte zu verfassen, die kurz sind, als solche, die lang sind.

Am Besten erkennen wir einen guten Text daran, dass er funktioniert. Die Frage ist einfach: Erfüllt er seinen Zweck? Erreicht der Texter damit alle Adressaten, die er erreichen will? Anders gesagt: Über die Qualität eines Textes entscheiden letztlich die Leser. Leider werden sie viel zu selten gefragt.


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